Fachtag „Migration und Theater“

Das Modellprojekt „Migration und Theater“ (MUT) basiert auf der langjährigen Erfahrung des Vereins Jugendkulturarbeit e.V., der über niederschwellig ausgerichtete Theaterangebote immer wieder versucht, auch Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in die Theaterarbeit zu integrieren.

MdL Ulf Prange während der Podiumsdiskussion des Fachtages des Oldenburger Modellprojekts „Migration und Theater“ (MUT)

Auszug aus dem Beitrag von MdL Ulf Prange zum Thema:
„Theaterpädagogik: Ein Motor für Intergration in Niedersachsen?“

Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich, hier heute sprechen zu dürfen, möchte Ihnen aber zunächst einmal zu dem  Projekt MUT "Migration und Theater" gratulieren. Besonders gefällt mir die Stadtteilbezogenheit des Projekts, das Sie mit bereits bestehenden Kinder- und Jugendtheatergruppen in den Stadtteilen zusammenarbeiten, die Kinder sozusagen vor Ort abholen bzw. ansprechen.

Sie haben mich gebeten, zu der Fragestellung „Theaterpädagogik: Ein Motor für Intergration in Niedersachsen?“ zu sprechen.
Mir fällt kaum ein besserer Zugang zum Thema Integration ein als das Theaterspiel.

Im Kanon der Kulturellen Bildung hat das Theater eine eigene Wirkung bei Kindern und Jugendlichen. Es besitzt den Vorteil, verschiedene Kunstsparten auf sich zu vereinen und mehrere Sinne (Sprache, Gehör, Mimik, Bewegung) zugleich zu berühren. Daneben bearbeitet das Kinder- und Jugendtheater nicht nur Wünsche und Erfahrungen seines Publikums, sondern erzählt auch »Geschichten vom wirklichen Leben«.

Pädagogische Arbeit im Bereich der Künste trägt prinzipiell das besondere Potential in sich, Menschen miteinander in einen Austausch zu bringen, über scheinbare Grenzen der sozialen, religiösen oder nationalen Herkunft hinweg. In der kreativen Zusammenarbeit kommen sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene auch menschlich näher.

Man kann in andere Rollen schlüpfen und so Erfahrungen und Lebenssituationen von Menschen mit anderer Herkunft nacherleben, erhält sozusagen den Spiegel vorgehalten. Man lernt andere Perspektiven und Betrachtungsweisen kennen. Man erwirbt die Fähigkeit, sich mit eigenen Vorurteilen kritisch auseinanderzusetzen. Man kann sich mit seinen Fähigkeiten in eine Gruppe einbringen, erfährt so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl. Des Weiteren stärkt das Auftreten vor anderen das Selbstbewusstsein und die eigene Persönlichkeit.

In Deutschland ist im Umgang mit Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen, in den letzten Jahren und Jahrzehnten vieles falsch gemacht worden. So setzt unser Asylrecht mit Arbeitsverboten, dem unzureichenden Zugang zu Sprachkursen u.ä. Maßnahmen nach wie vor in der fälschlichen Annahme, dass die Menschen nur temporär hier sind, nicht auf Partizipation, sondern darauf, die Menschen aus der Gemeinschaft auszuschließen bzw. zu exkludieren.

Dies ist der falsche Weg, entspricht nicht der Lebenswirklichkeit. Akzeptanz in der Bevölkerung für Zuwanderung wird es nur dann geben, wenn wir Zuwanderung als Chance und diejenigen, die nach Deutschland kommen, als Bereicherung für uns und unser Land ansehen. Dazu müssen wir ihnen auch die Möglichkeit geben, sich in die Gemeinschaft mit ihren Erfahrungen, Fertigkeiten und Befähigungen einzubringen.

Dazu braucht es insbesondere ein Umdenken in den Köpfen.

Dies kann nur gelingen, wenn die Integration von Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen zu uns kommen, gelingt. Dies ist eine ZENTRALE HERAUSFORDERUNG für unsere Gesellschaft. Das MUT-Projekt leistet dazu einen erheblichen und wertvollen Beitrag.

Die Frage, ob Theaterpädagogik ein Motor für Integration in Niedersachsen ist, kann ich mithin eindeutig beantworten und zwar mit JA, allerdings mit dem Zusatz, dass sich diese Feststellung nicht auf Niedersachsen beschränkt.

Die interkulturelle Kulturarbeit ist deshalb auch ein zentraler Baustein des Kulturentwicklungskonzepts Niedersachsen (KEK). Dort heißt es: Inter- und transkulturelle Kulturarbeit soll gefördert, kulturelle Angebote für und von Menschen mit Migrationshintergrund ausgebaut und staatliche Kultureinrichtungen für sie geöffnet werden.

Jetzt komme ich zu der Frage, wie das Land Niedersachsen die Theaterpädagogik unterstützt.
Gerade die Theaterpädagogischen Zentren leisten eine wichtige Arbeit. Sie unterstützen Theaterpädagogen und -pädagoginnen sowie deren Aktivitäten vor Ort, bringen unterschiedliche Akteure zusammen, sind beratend sowie im Bereich der Aus- und Fortbildung tätig.

Auch an anderen Standorten haben wir zahlreiche Ausbildungs- und Fortbildungsangebote in Niedersachsen.

Als Flächenland setzt Niedersachsen neben den Staatstheatern und den kommunalen Theatern, insbesondere auch auf die freien Theater und die Soziokultur.

Soziokultur leistet einen unverzichtbaren Beitrag für kulturelle Teilhabe und Bildung in Niedersachsen. Soziokulturelle Zentren, Initiativen und Vereine bieten Kultur in allen Sparten an und ermöglichen Menschen, aktiv am kulturellen Leben teilzuhaben und mitzugestalten. Soziokulturelle Angebote gibt es in allen Regionen Niedersachsens, sowohl im städtischen Umfeld und vor allem auch auf dem Land.

Die Arbeit der soziokulturellen Zentren und Initiativen zielt darauf, Menschen aller Altersgruppen unabhängig von ihrer sozialen und kulturellen Herkunft den Zugang zu Kunst und Kultur zu erleichtern. Dabei sollen sie zu eigener Kreativität angeregt werden. Niedersachsen hat als Flächenland ein besonderes Interesse, allen Bevölkerungsschichten kulturelle Teilhabe zu ermöglichen. Breitenkulturelle Angebote wirken in den Lebensalltag der Menschen hinein und sind für die kulturelle Bildung in der Fläche unverzichtbar.

Durch ihr niedrigschwelliges Angebot erreichen die soziokulturellen Zentren, Vereine und Initiativen besonders viele Menschen aller Altersgruppen, sozialen und kulturellen Hintergrunds und Geschlechts.

Nur durch den Dreiklang staatliche/kommunale Theater/freie Theater/Soziokultur kann es gelingen, auch in der Fläche attraktive Angebote im Bereich Theater bereitzustellen.

Anfang der Woche haben in Hannover die Haushaltsberatungen der SPD-Landtagsfraktion stattgefunden. Unter schwierigen Rahmenbedingungen – ich nenne hier das Stichwort Schuldenbremse – ist es gelungen, über die politische Liste einige wichtige Akzente im Bereich Kultur zu setzen. Aus den 30 Mio. €, die insgesamt für die politische Liste zur Verfügung stehen, entfallen ca. 6,5 Mio. € auf den Bereich Wissenschaft und Kultur. 5 Mio. € werden für studentisches Wohnen eingesetzt. Der verbleibende Betrag steht ausschließlich für die Stärkung der Kultur zur Verfügung. Davon profitiert auch die Theaterpädagogik.

Das Land Niedersachsen unterstützt die Theaterpädagogik indirekt über die Förderung für die Staatstheater und für sechs kommunale Theater. Über die politische Liste erhalten das Staatstheater Oldenburg zusätzlich 150.000,00 € und die kommunalen Theater zusammen 400.000,- €. Das Land hat mit den Theatern Zielvereinbarungen abgeschlossen, die die kulturelle Teilhabe und Bildung stärken sollen. Dabei stehen in erster Linie die theaterpädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, sowie die Ansprache von neuen Publikumsschichten und die Förderung von bürgerschaftlichen Engagements im Fokus. Es gilt, zielgruppenspezifischere Angebote zu erarbeiten. Für die jungen Besucher sind deshalb dort auch eigene und freie Theaterpädagogen tätig.

Ferner ist an dieser Stelle die Projekt- und Konzeptionsförderung für die freien Theater zu nennen. Über die Politische Liste haben wir – wie im Vorjahr – einen Betrag in Höhe von 200.000,00 € zur Verfügung gestellt. Das Land Niedersachsen fördert so die Arbeit der ca. 90 in Niedersachsen wirkenden professionellen Freien Theater.

Im Rahmen einer Projektförderung können Theater in nicht-öffentlicher / privatrechtlicher Trägerschaft einschließlich Kinder- und Jugendtheater und sonstige, auf dem Gebiet der darstellenden Kunst berufsmäßig arbeitende Gruppen, Puppen- und Figurentheater sowie öffentliche und private Träger von Einrichtungen, die der freien Theaterarbeit dienen, auf Antrag Zuwendungen zu ihren Produktionskosten erhalten. Förderschwerpunkte sind Theaterprojekte aus den Bereichen Kinder- und Jugendtheater, Tanz, Integration von Migranten sowie Koproduktionen, Kooperationen und spartenübergreifende Projekte.

Leider ist es nicht gelungen, über die politische Liste für das Haushaltsjahr 2015 einen Betrag i.H.v. 85.000 Euro zur Anschubfinanzierung und für das Förderprogramm des Landesverbands Theaterpädagogik zur Verfügung zu stellen. Dies hat nichts mit fehlender Wertschätzung zu tun, sondern ist eher formalen Gründen geschuldet. Das Förderprogramm sieht einen Zeitraum von 3 Jahren vor. Darin haben unsere Haushälter eine institutionelle Förderung gesehen, die durch Verpflichtungsermächtigungen hätte abgesichert werden müssen. Dies hätte Gestaltungsspielräume für die nächsten Jahre eingeschränkt.

Seitens der zuständigen Fachpolitiker wird aber anerkannt, dass auch der Landesverband Theaterpädagogik wie andere Verbände eine Koordinierungsstelle benötigt. Seien Sie versichert, dass wir an dem Thema dranbleiben.

Jenseits der Ansätze in der politischen Liste gibt es weitere Fördermöglichkeiten.
Es besteht die Möglichkeit, für theaterpädagogische Projekte Fördermittel über die Soziokultur und über die regionale Kulturförderung zu erhalten.

Des Weiteren partizipiert der Bundesverband Freier Theater am BMBF-Programm „Kultur macht stark!“. Im Rahmen dieser Aktivitäten findet auch in Niedersachsen theaterpädagogische Arbeit statt.

Darüber hinaus fördert das MWK die Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung (LKJ) Niedersachsen institutionell. Der Landesverband Theaterpädagogik ist Mitglied der LKJ.

An dieser Stelle möchte ich auch das neue dreijährige Projekt SCHULE:KULTUR! nennen, das das MWK in Kooperation mit dem MK und der Stiftung Mercator gestartet hat. Das Projekt soll die kulturelle Bildung innerhalb der Schule stärken und verankern. In den zunächst 40 kulturellen Schulprojekten werden alle Schülerinnen und Schüler, unabhängig von ihren Herkünften, angesprochen. Auch theaterpädagogische Projekte sind möglich. Die Bewerbung der Schulen zur Teilnahme am Projekt läuft bereits und endet am 05.12.2014; Kulturschaffende und Kultureinrichtungen können ihr Interesse an einer Projektteilnahme bei der LKJ anmelden.

Abschließend: Kulturelle Bildung wird in 2015 ein Schwerpunkt im niedersächsischen Kulturentwicklungskonzept sein. Ein Kulturforum zur Kulturellen Bildung ist für den Herbst 2015 geplant.

Es gilt das gesprochene Wort!